Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust! Zu Fuß bis zur Nordsee – ein Wanderprojekt

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Schon seit Jahrtausenden ist das Laufen und Wandern die natürlichste und gesündeste Art des Menschen sich fort zu bewegen, um von einem Ort an den anderen zu kommen. Wie wir aus der Geschichte wissen, sind wir Menschen in der Lage, enorme Strecken zu bewältigen. So ist uns dies be­kannt von den Völkerwanderungen, den Kreuzzügen bis hin zu der Wan­dervogelbewegung am Anfang des letzten Jahrhunderts, um nur einige Beispiele zu nennen.

Im Zuge der immer übergewichtiger werdenden Menschen der Industrie­länder wird dem Laufen in der Natur wieder mehr Bedeutung geschenkt. Man weiß, wie gesund die Bewegung in der frischen Luft für Herz und Kreislauf, für Muskulatur und Gelenke, für Verdauung und Entspannung sind.

In einer Schule stehen Wandertage von jeher auf dem Unterrichtspro­gramm und dürfen nicht vernachlässigt werden. Darum gibt es in jedem Schuljahr solche Wandertage, die nicht nur der ganzheitlichen Gesund­heitsförderung dienen, sondern auch das soziale Verhalten der Schüler untereinander und mit ihren Lehrern fördern. Sich etwas vorzunehmen, um sich dann auf den Weg zu machen und ans Ziel zu gelangen, auch wenn es zwi­schendurch etwas unbequem wird, sind wichtige pädagogische Aspekte.

Vor diesem Hintergrund kam es an unserer Schule zu folgendem Wander­projekt.

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Eines unserer Kinder berichtete am Anfang der zweiten Klasse begeistert von den Ferien an der Nordsee. Daraufhin meinte ein anderes, ob wir da nicht mal alle „hingehen“ könnten. Schnell lag die Betonung auf dem „hin­gehen“. Diese Anregung nahm der Klassenlehrer sehr wörtlich, ohne die Konsequenzen im Einzelnen zu bedenken. „Ja, da können wir zusammen hingehen!“ So kam es, dass in der damaligen zweiten Klasse der Plan ge­schmiedet wurde, bis zur Nordsee zu wandern und spätestens am Ende der Klassenlehrerzeit in der achten Klasse dort anzukommen. Keiner der Be­teiligten war sich damals im Klaren darüber, was ein solches Vorhaben be­deutete.

Nachdem wegen schlechten Wetters der Wandertag der zweiten Klasse buchstäblich ins Wasser fiel, fand die erste Etappe zu Beginn des dritten Schuljahres statt. Dies war im Spätsommer 2009, am 30. September. Schon nach wenigen Kilometern fragte eine Schülerin: „Ist es noch weit bis zur Nordsee?“ – Viele Kinder können sich an diese erste Wanderung, die uns vorwiegend durch Waldgebiete führte, erinnern. Es gab in diesem Jahr viele Bucheckern. Teilweise waren die Wege übersät davon. Zunächst liefen die Kinder achtlos darüber hinweg. Dann zeigte ihnen ihr Lehrer, wie man sie öffnet und dass man die kleinen Nüsschen essen kann. –

Von da an gab es zahlreiche Wandertage. Es wurde jeweils der Weg dort fortgesetzt, wo die vorangegangene Etappe endete und so reihte sich eine Etappe an die nächste. Anfangs waren es ja noch kurze Wegstrecken zu­rück nach Hause, sodass die Eltern die Fahrwege übernehmen konnten. Später stiegen wir auf den Bus und dann auf die Bahn für die Hin- und Rückreisen um. Die Kinder lernten so die unmittelbare Heimat kennen. Da wir mit dem Zug immer wieder an bereits zurückgelegten Strecken vorbei kamen, erinnerten die Schüler wiederholt besondere Merkmale der Land­schaft, die Flüsse, die Berge, die Burgen und Orte, die wir schon zu Fuß erwandert hatten und jetzt mit dem Zug passierten. Unser Weg führte uns von Otterberg zum Donnersberg und durch das Alsenztal. Von Bad Müns­ter ging es im Nahetal bis nach Bingen am Rhein. Dann wanderten wir auf der linken Rheinseite auf dem Rheinburgenweg, manchmal auch ein Stück rechtsrheinisch auf dem Rheinsteig, bis nach Koblenz und Bonn und schließlich erreichten wir im Frühjahr 2013 Köln-Müngersdorf. Teilweise meisterten wir abenteuerliche Streckenabschnitte im Mittelrheintal.DSC05756 Ein Schüler bemerkte zum Ölsbergsteig, – einem sehr steilen und nicht ganz ungefährlichen alten Weinberg, an dem gezeigt wird, wie schwer es die Winzer in den Steilhängen hatten –  dass er „geiler“ sei als der Grand Canyon. Ab der vierten Klasse planten wir Zwei- und Dreitagestouren mit Übernachtungen in Jugendher­bergen.

Neben den sehr abwechslungsreichen Landschaften zu unterschiedlichen Jahreszeiten genossen wir unterwegs Besichtigungen der einzigen Felsene­remitage nördlich der Alpen bei Bretzenheim, Führungen auf der Marks­burg und dem Schloss Stolzenfels. Auch eine Schifffahrt auf dem Rhein gehörte dazu. Natürlich konnte die fünfte Klasse nicht an den Vulkanen der Eifel vorbei laufen, ohne den Lava-Dome in Mendig und den Laacher See, indem wir die Aktivität des Vulkans beobachten konnten, zu besuchen. Schließlich gehörte auch ein Besuchstag in Köln mit Kölner Dom, Schokoladenmuse­um und Römisch-Germanisches Museum zu den Höhepunkten unseres Abenteuers.

Unterwegs mussten wir so manche Hürde nehmen. An einem der heißesten Tage im Sommer 2010 – es waren 37°C im Schatten – reichten unsere Getränke nicht aus. Wir liefen einen ganzen Tag nur durch Waldgebiet. Gegen Mittag hatten die ersten Kinder nichts mehr zu trinken und es gab keinen Handyempfang. Wir lösten das Problem, indem wir viertelstündliche kleine Pausen einlegten, die noch vorhandenen Getränke auf alle aufteilten und darauf achteten, dass jedes Kind etwas getrunken hatte. Als wir am Gutenbacher Hof die ersten Häuser erreichten, schenkten uns die Bewohner zwei Kisten Wasser. Dankbar denken wir daran zurück. Außerdem waren zahlreiche kleinere Wunden zu versorgen, zu trösten, wenn das Essen in der Herberge nicht so schmeckte, wie zu Hause, Mut zu machen, wenn die Schuhe drück­ten oder nach Lösungen zu suchen, wenn uns der Zug vor der Nase weg fuhr. – Das hatten wir in Bretzenheim erlebt. Nach einem langen Wandertag mussten wir die letzten beiden Kilometer mit den Rucksäcken rennen und dennoch fuhr uns der Zug vor der Nase weg. Welch eine Enttäuschung, ganz abgesehen davon, dass die nachfolgende Logistik zusammenbrach. So lernten wir aber, uns aufeinander zu verlassen, einander zu vertrauen und uns gegenseitig zu helfen.

Im Durchschnitt liefen wir ca. 15 – 20 km an einem Tag und legten bis jetzt eine Wanderstrecke von ca. 320 km zurück. Damit haben wir deutlich mehr als die Hälfte des Weges geschafft. Es liegen aber noch ungefähr 220 km  vor uns, die wir in vier weiteren Etappen zurücklegen wollen. Dann wollen wir am Ijsselmeer angekommen sein, mit dem Segelschiff zur Insel Texel schippern und dort unseren Traum zur Nordsee „gehen“ zu wollen, vollenden.

Unser Abenteuer dokumentieren wir in einer Portfoliomappe. Anfangs schrieben die Schüler vorgegebene Texte auf, die sie dann durch eigene Zeichnungen, gesammelte Blätter oder gepresste Blumen ergänzten. Hinzu kam das Gruppenfoto, das wir immer zu Beginn einer jeden Etappe machten. Jetzt ab der sechsten Klasse schreiben die Kinder selbst ihre Erlebnisse auf, sammeln Eintrittskarten oder bereichern ihre Mappen mit Ansichtskarten, Fotos oder selbst gezeichneten Landkarten.

All dies wäre ohne die wohlwollende und tatkräftige Unterstützung der El­tern nicht möglich. Es sind Eltern, die sich an der Planung der Routen beteiligen, die uns auf den Wanderungen begleiten,  die das Übernachtungsge­päck transportieren, damit wir nur mit Tagesproviant wandern können, die Waffeln, Kuchen und Brot backen und verkaufen, um unsere Wanderkasse zu füllen. Wir konnten erleben, wie ein solches Projekt eine Gemeinschaft von Schülern, Lehrern und Eltern zusammen schweißt, wie Kinder sich entwickeln und wachsen, wenn sie sich auf den Weg machen. Wir konnten erleben, dass Wandern nicht nur des Müllers Lust ist.

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